Abo«Sonst sind Seilbahnen eine Verschandelung der Landschaft»
Willy Garaventa erstellte rund um die Welt die waghalsigsten Bahnen. Er verdankt den Erfolg auch den Schulbuben, die ihn als «Tschingg» auslachten.

Willy Garaventa empfängt uns an der Talstation der neu erbauten Seilbahn auf die Seebodenalp oberhalb von Küssnacht SZ. Hier begann 1957, was später zum Welterfolg wurde: Willy und sein vor dreissig Jahren verstorbener älterer Bruder Karl gründeten die Firma Garaventa, um ihre erste grosse Bahn zu bauen. Später folgten viele weitere rund um die Welt, und Willy Garaventa konnte sich ein Ferienhaus auf der Seebodenalp leisten. Im Restaurant neben der Bergstation zeigt sich: Der erfolgreiche Unternehmer ist ganz bescheiden geblieben. Er lässt die Reste seines Mittagessens – Schweinsfilet mit Gemüse – einpacken.
Sie machten Garaventa weltweit bekannt. Hätten Sie das geglaubt, als Sie in den 1950er-Jahren in das Seilbahngeschäft eingestiegen sind?
Ich habe nie im Traum daran gedacht, dass wir je ein weltweit tätiges Unternehmen werden. Aber damals blieb mir keine andere Option. Ich stand vor der Wahl: auswandern oder dem Vater helfen, denn es gab für einen gelernten Schlosser wie mich wenig Arbeit. Unmittelbar nach dem Krieg war die Arbeitslosigkeit hoch. Viele Schweizer wanderten darum aus.
Wohin hätte es Sie gezogen, wenn Sie nicht in den Seilbahnbau eingestiegen wären?
Dann wäre ich Seefahrer geworden. Ich war als Kind ein Bücherwurm und las alle Seeräubergeschichten. Seefahrer waren jene, die in der Welt herumkamen. Das wollte ich auch. Diese Abenteuerlust ist mir geblieben. Mein ganzes Leben war ein Abenteuer.
Vom Bau kleiner Holzseilbahnen zur Firma, die die weltgrössten Seilbahnen baut: Wie war dieser Erfolg möglich?
Wir sind nicht reich aufgewachsen. Mein Vater war ein einfacher Bauer und hat an der Rigi im Schutzwald der SBB Holzseilbahnen gebaut. Uns wurde mitgegeben, dass man immer arbeiten muss, und wir wurden schon als Kinder zur Arbeit eingespannt. Was wir später mit der Firma Garaventa erreichten, haben wir durch viel Eigenwillen und harte Arbeit erwirtschaftet. Und zwar körperliche Arbeit. Wir waren keine Handelsmänner, sondern richtige Handwerker.
Stieg Ihr Vater in den Seilbahnbau ein, weil der kleine Bauernhof die Familie nicht ernähren konnte?
Nein. Er war nicht gerne Bauer und suchte eine andere Aufgabe. Was er liebte, war das Tüfteln. Er mechanisierte den ganzen Stall, baute eine moderne Mostpresse, Düngerpumpen. Der Stall hatte sogar einen Lift. Mein Vater hat das alles selber zusammengebastelt.
Dieses Erfinden ist also in der Familie irgendwie drin.
Ja, auch bei meinem Bruder und mir. Wir haben nichts anderes gemacht. Ich habe schon als Kind Seilbahnen gebaut. Überall habe ich Seilbahnen gehabt, rund ums Haus. Und ich habe mehrere Uhren und Wecker kaputtgemacht, da ich herausfinden wollte, wie die funktionieren.
Sie haben Ihren Willen als Schlüssel zum Erfolg betont. Woher kam der Antrieb dazu?
Ich glaube, das kommt von meinem Grossvater. Er war ein Einwanderer aus Norditalien, heute würde man sagen, ein Wirtschaftsflüchtling. Das muss ein besonderer Mensch gewesen sein. Er hat sich in der Schweiz rasch assimiliert. Er hat sich selber umbenannt von Giuseppe zu Josef und alles gemacht, um zu Geld zu kommen. Er hat Liegenschaften gekauft, viel gearbeitet.
Wieso hat er sich ausgerechnet in Immensee SZ niedergelassen, wo auch Sie wohnen?
Es gab zwei einfache Gründe: Erstens der Eisenbahnbau. Hier fand er Arbeit. Zweitens hat er eine Bauerntochter geschwängert und musste, wollte, durfte bleiben.
Sie sind der Enkel eines italienischen Einwanderers und der Sohn eines Kleinbauern, in einfachen Verhältnissen am Rand des Dorfs aufgewachsen. Wurden Sie als Aussenseiter behandelt?
Mein Vater überhaupt nicht, der hat in allen Vereinen mitgemacht, er war Präsident der Musikgesellschaft, die er mitgegründet hatte, und er war bei den Schützen. Und das alles als Italiener, denn das Schweizer Bürgerrecht hat er erst später erworben. Wir als Kinder haben es aber zu spüren bekommen. Ab und zu hiess es: «Du Tschingg.» Dabei sprach ich kein Wort Italienisch.
Eigentlich können Sie Ihren Schulkollegen dankbar sein. Sie waren bestimmt einer der Gründe für Ihren unbedingten Willen zum Erfolg.
Ja, das kam von dort. Wir wollten mehr erreichen als die anderen.
Wie oft waren Sie im italienischen Dorf Savignone, aus dem Ihr Grossvater auswanderte?
Erst vor drei Jahren war ich zum ersten Mal dort. Die Hälfte der Einwohner heisst Garaventa. Unsere Firma kannten sie nicht. Der berühmteste Einwohner war ein Opernsänger, Ottavio Garaventa. Einer aus dem Dorf sagte mir, ich sähe ihm zum Verwechseln ähnlich.
Dies ist Ihr allererstes Interview. Warum haben Sie nie eines gegeben?
Wenn man in einer grossen Zeitung erscheint, scheint man besser zu sein als die anderen. Das gibt nur Neid. Das wollte ich nicht. Ich bin nie gerne im Rampenlicht gestanden, auch mein Bruder nicht. Man fand mich auch selten bei der Eröffnung einer unserer Seilbahnen. Ich machte lieber vorher die Arbeit. Zur Eröffnung gingen andere, die Spass daran hatten.
Seilbahnbauen ist gefährlich. Mehrere Ihrer Mitarbeiter kamen ums Leben. Waren Sie selber jemals dem Tod nahe?
Ja, zweimal. 1968, beim Bau der Seilbahn von Weggis nach Rigi-Kaltbad, reparierte ich eine defekte Seilrolle. Dummerweise brach das Brett, auf dem ich sass. Ich fiel vier, fünf Meter herunter. Ich hatte Glück, weil ich genau auf einem Teil des abgebrochenen Bretts landete. Mein Brustkorb war gespalten, aber ich lebte. Ich hätte tot sein können. Auf einer anderen Baustelle, in Squaw Valley in Kalifornien, fiel ein Kranhaken direkt vor meinem Gesicht herunter. Er streifte nur die Nase. Drei Zentimeter weiter hinten, und ich wäre tot gewesen. Das war ebenfalls 1968. Offenbar war das mein Glücksjahr.
Viele Seilbahnen sind zwar technische Wunderwerke, schreiben aber rote Zahlen. Haben sie eine Existenzberechtigung?
Eigentlich nicht. Seilbahnen braucht es nur, wo sie rentabel sind, ansonsten sind sie eine Verschandelung der Landschaft und eine Verschleuderung des Geldes. Es wurden Anlagen gebaut, die von Anfang an nicht rentieren konnten.
Wo?
Ich habe mehrere solche Fälle erlebt. Das war auch für uns als Lieferant ein grosses Risiko. Zum Beispiel bei der Hochfellnbahn in Oberbayern. Da konnte der Kunde mehrere Millionen nicht zahlen. Das hätte unserer Firma fast den Kopf gekostet. Die Bahn wird nun von der Gemeinde betrieben.
In der Schweiz gibt es ebenfalls viele unrentable Bahnen. Zwei Drittel können ihre Investitionen nicht mehr aus eigener Kraft finanzieren, sind also nicht überlebensfähig. Müssen sie abgerissen werden?
Wenn sie niemand übernehmen will und es keine Defizitgarantie gibt, ja. Es wurden schon einige abgebrochen, vor allem Schlepplifte. Noch besser wäre es, solche Bahnen gar nicht erst zu bauen.
Viele Gemeinden subventionieren ihre defizitären Bergbahnen. Finden Sie das gut?
Nur wenn viele Arbeitsplätze in Hotels und Restaurants daran hängen, halte ich es für berechtigt, sie künstlich am Leben zu erhalten. Der Staat subventioniert vieles, was uns gar nichts bringt. Wenn man eine Seilbahn subventioniert, um ein Skigebiet über Wasser zu halten, sichert es wenigstens ein paar Arbeitsplätze.
An Ihrem Hausberg, der Rigi, kam es zu einem Aufstand der Bevölkerung gegen die Pläne des Bahndirektors, die Zahl der Besucher auf eine Million pro Jahr zu erweitern. Er musste gehen. Was halten Sie von diesem Widerstand?
Aus meiner Sicht ist es gut, dass der Plan kritisiert wurde.
Es fällt auf: Sie sind zwar begeistert von der Technik der Seilbahnen, denken aber auch ökologisch. Sind Sie ein Naturschützer?
Ich bin kein Grüner. Aber wir müssen unserem Lebensraum Sorge tragen. Zum Glück ist es mit unseren Umwelt- und Naturschutzvorschriften praktisch nicht mehr möglich, in unberührter Landschaft neue Bahnen zu bauen.
In Afrika und Lateinamerika werden zunehmend Seilbahnen als städtische Nahverkehrs-mittel gebaut. Würde das auch in Europa Sinn ergeben?
Man könnte viele Strassen sparen, wenn man stattdessen Gondelbahnen oder Sessellifte bauen würde, auch in der Schweiz.
Wo zum Beispiel?
Direkte Verbindungen von den Flughäfen in die Stadtzentren würden Sinn machen.
In Zürich wollte die Kantonalbank aus Anlass ihres 150-Jahr-Jubiläums für fünf Jahre eine Seilbahn über den Zürichsee bauen. Das wird aber von Anwohnern verhindert. Verstehen Sie den Widerstand?
Nein. Eine solche Bahn wäre eine Chance, den Autoverkehr rund um den See zu verringern. Man müsste sie nicht für fünf Jahre bauen, sondern sie stehen lassen. Dann gäbe es weniger Autos in der Stadt.
Seilbahnen werden immer länger, höher, steiler, grösser, verrückter. Finden Sie diesen Gigantismus gut?
Solange es sie braucht und sie rentabel sind, warum soll man nicht das Maximum herausholen?
In Ihrer Berufszeit waren Sie monatelang weg von der Familie, zwischen Grönland und Mexiko. Wie war es da möglich, die Beziehung zu Ihrer Frau und Ihren Kindern zu pflegen?
Ich lernte meine Frau 1959 bei einem Musikfest kennen. Es war Liebe auf den ersten Blick, aber ich sagte ihr gleich: «Wenn Sie nicht Auto fahren können, heirate ich Sie nicht.» Es war für mich wichtig, dass sie autonom ist.
Offensichtlich konnte sie Auto fahren, denn Sie haben geheiratet.
Genau. Aber während unserer Verlobungszeit musste ich für 14 Tage auf den Gemsstock oberhalb von Andermatt, wo wir eine Transportbahn bauten. In den ersten zwei Nächten haben meine Monteure und ich in einer Schneehöhle geschlafen, bis der Helikopter eine kleine Holzbaracke brachte. Vor meiner Abreise sagte ich zu meiner zukünftigen Frau: «Du kannst die Hochzeit selber organisieren, ich habe keine Zeit und gehe jetzt auf den Berg.» Nach zwei Wochen kam ich nach Hause, und wir heirateten.
Tönt nicht sehr romantisch, aber Sie liessen Ihrer Frau grossen Freiraum.
Sie ist eine emanzipierte Frau, sehr intelligent und selbstständig, sonst hätte das nicht geklappt. Für meine Töchter war es schwieriger. Ich war bis zu vier Monate weg. Es ist nicht einfach, wenn die Kinder einen nicht mehr kennen. Sie haben mir statt Papi Götti gesagt.
Sie verkauften die Firma 1993 an die damalige Führung. Später wurde Garaventa von der österreichischen Konkurrentin Doppelmayr geschluckt. Macht Sie das traurig?
Traurig kann ich nicht sein. Ich lebe gut, hatte etwas vom Leben, und ich freue mich, dass der Name Garaventa noch immer Bestand hat.
Warum hat das Management die Firma verkauft? Brauchten die Geld?
Nein. Ich habe ihnen eine kerngesunde Firma verkauft. Sie wollten Geld sehen.
Haben Sie nie daran gedacht, die Firma an die Börse zu bringen? Mit einem Börsengang hätten Sie gewaltig Kasse machen können.
Nein. Garaventa war dafür zu klein. Wir wollten als Familie auch nicht die Kontrolle abgeben. Im Nachhinein ist man immer schlauer. Wir wussten damals nicht, wie erfolgreich die Firma noch werden wird. Wir haben schon an uns geglaubt, aber nicht gerade so.
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